Weihnachtsgeschäft

Ich habe überhaupt keine Lust mehr auf Einkaufen. Alles um mich herum schreit buchstäblich nach: mehr, noch mehr, noch drei und noch zehn dazu – eigentlich schon sehr unappetitlich!

Ich mag keine kaufsüchtigen Feiertage mehr! Oder fresssüchtige… oder das Konkurrenz-Gehabe, wessen Geschenk größer, teurer, interessanter ist… bekanntlich spielen die Kinder eh meistens mit der Verpackung.

Ich sitze gerade im Zug. Der ist soeben an einem Haus vorbeigefahren. Nichts Besonderes, denkt ihr jetzt wahrscheinlich. Aber ich meine ein schönes, großes, neues, geschmackvolles Haus mitten im Nirgendwo. Weit und breit nichts, keine Straße, kein Baum, nur Felder und das Haus alleinstehend in der Mitte. In 20 Jahren kann es schon eine Siedlung mit Kindergarten und Volksschule sein, aber jetzt ist es ein Haus, das etwas seltsam erscheint in der Felder-Landschaft. Wie so oft im Leben. Wenn man was anfängt, ist man oft allein. Es braucht immer eine*n Verrückte*n, eine*n Wilde*n, der/die sich einbildet, dass etwas geschehen soll. Und zwar hoffentlich etwas Gutes. Für das Schlechte finden sich ohnehin sehr viele Bereitwillige.

Zurück zum Kaufen. Was würdet ihr am liebsten zu Weihnachten kaufen, wenn es keine Limits gäbe?

Ich weiß, wofür ich mein ganzes Geld ausgeben würde. Ich hätte gern ein Geschäft, in dem man Dankbarkeit kaufen kann. Da würde mich sehr interessieren, wie das Geld aussehen würde, mit dem man bezahlt. Stellt euch vor, die reichsten Menschen der Welt würden die dankbarsten sein, weil sie am meisten davon kaufen könnten?! So plötzlich… wie würde das unsere ganze Welt verändern?! Würden diese reichen Menschen Dankbarkeit dann überhaupt kaufen?

In meinem Traumgeschäft soll es aber auch eine Abteilung für Vergebung und Vertragen geben sowie eine Süßwarenabteilung, in der man Freude und gute Laune für alle Familienversammlungen erwerben kann. Viele Regale mit Humor, ein wenig bestäubt mit Selbstironie statt Puderzucker und das Ganze dekoriert mit dem erwartungsvollen Glitzern von Kinderaugen, wenn sie doch Ausschau nach dem Christkind halten, obwohl sie schon groß und aufgeklärt sind… aber es könnte doch sein…

Mein Lieblings-Stockwerk in diesem Laden würde aber das sein, wo man Edelmut kaufen kann. Ich denke, dort wird es Schlangen von Menschen geben. Nein, denke ich gar nicht, eigentlich hoffe ich es nur, weil so wie wir uns benehmen, denken wir am wenigsten daran, edelmütig zu sein.

Alles andere kommt schon immer wieder vor: Freude, Dankbarkeit, an die anderen denken, teilen, beschenken, helfen… Gott sei Dank haben wir das alles nicht ganz verlernt. Aber Edelmut? Das ist ziemlich aus der Mode gekommen. Diese Weltanschauung beinhaltet, dass man jemandem verzeiht, der gar nicht um Verzeihung bittet, jemandem hilft, dem gar nicht bewusst ist, was es einen kostet oder noch mehr, dass er überhaupt Hilfe benötigt, jemanden akzeptiert, der so kuschelig und anschmiegsam ist wie eine Stachelbeere oder ein junges Brennnessel-Blatt.

In unserer Zeit, wo jeder eine selbstgerechte Insel darstellt und alles – zumindest oberflächlich gesehen – für sich unabhängig entscheiden darf, hat Edelmut überhaupt nicht mal den Funken eines Platzes in unserem Bewusstsein.

Ich habe nachgeschaut, wie das Wort „Edelmut“ im Duden beschrieben wird.

Wortart: Substantiv, maskulin.

Gebrauch: gehoben

Häufigkeit: sehr selten.

Ich finde, es stimmt.

Auf jeden Fall würde es in meinem Geschäft eine Aktion, einen „Sale“, für Bescheidenheit geben. Die will keiner kaufen, sie steht meistens im Weg bei der Selbstverwirklichung – also eine sehr unattraktiv gewordene Eigenschaft. Sie würde ich sogar verschenken, einfach weil sie uns guttun und wieder dorthin bringen würde, wo Weiterentwicklung überhaupt möglich ist. Weil damit wir weiterkommen, müssen wir zuerst erkennen, dass das Weiterkommen notwendig ist (wenn wir glauben, wir sind perfekt, machen wir uns ja keine Gedanken über das Weiterkommen). Dann gilt es, nach Wegen zu suchen, wie dies möglich wäre – erst dann kann Weiterentwicklung überhaupt umgesetzt werden.

Statt einer Eis-Bar würde es einen Stand mit Hoffnung in meinem Laden geben, und statt Zuckerwatte eine Ecke, wo Glaube gekauft werden kann. Ein Funken Glaube an Wunder, an Zauberei, an das Gute, eine Portion Hoffnung für das kommende Jahr. Hoffnung, die einen nicht wie der dümmste Mensch erscheinen lässt, nur weil man sie zulässt.

Am Ausgang des Geschäfts würde jede*r Besucher*in eine Zutrittskarte auf Lebenszeit geschenkt bekommen, einen VIP-Zugang für Online-Bestellungen und Gratis-Lieferung weltweit.

Einzige Bedingung: kein Rückgaberecht. Wenn man etwas im Geschäft gekauft hat, muss man es auch nützen, man kann es nicht zurückschicken.

Dabei gäbe es aber noch eine letzte Frage zu klären: Wie schaut die Währung aus, mit der man in meinem Geschäft bezahlen würde?

Ich würde den guten alten Tauschhandel als Zahlungsbasis wählen. Ich tausche Sorgen gegen Dankbarkeit und Freude. Sinnlosigkeit gegen Hoffnung, Hilflosigkeit gegen Glaube und Stolz gegen Edelmut.

Wir alle haben eine Menge Währung angesammelt für dieses Geschäft. Es wäre an der Zeit, dort richtig viel einzukaufen, bis unser Herz vor Freude und Dankbarkeit fast platzt und in unserem Bewusstsein wieder Platz für Edelmut und Güte geschaffen wird.

„Wir wünschen ein unvergessliches Einkaufserlebnis. Kommen Sie bald wieder für Nachschub, wir haben genug von allem“, tönt es jedes Mal aus dem Lautsprecher, wenn man seinen Augen nicht traut.

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