Zeit

Foto: Robert Leitner

Ein Begriff, mit dem jeder was anfangen kann. Sie ist ständig zu knapp, geht zu schnell vorbei oder so langsam, dass es fast schmerzt, sie ist „zu teuer“ – oder überhaupt zu verschenken. Ich kenne kaum einen Menschen, der sagen würde, er hätte genug Zeit. Dabei ist die Zeit weder zu wenig noch zu viel, weder zu schnell noch zu langsam, oder hätte auch sonst eines der Adjektive, die wir ihr zuschreiben. Sie ist einfach da und wir füllen sie mit zu vielen, zu wenigen, mit wichtigen oder weniger wichtigen Aktivitäten.

Seit einem Jahr gibt es in unserer Familie Zeit. Fast im Übermaß. Das gab es bis jetzt noch nie. Wir sind ständig mit einem Bein schon beim nächsten Termin gewesen und mit den Gedanken sogar schon zwei Termine weiter. In unserem modernen Zeitalter ist das nichts Ungewöhnliches. Es gibt aber etwas, das unsere innere Uhr wieder richtig einstellt und zurechtrückt. Das ist das Leben rundherum, die Natur, die Kinder… Es tut mir so gut zu sehen, dass Babies sich von Corona nicht aufhalten lassen, sie warten nicht „bis alles wieder normal wird“ sondern werden dann geboren, wann ihre Zeit gekommen ist. Kinder wachsen weiter, auch wenn alles andere quasi auf Pause ist. (Da wird halt nicht in der Sporthalle Tennis gespielt, sondern mit dem Bruder im Wohnzimmer… oder wie jetzt bei uns, im Garten mit dem Hund). Die Natur zeigt uns auch wieder, dass das Leben weiter geht, auch wenn nicht alles so ist, wie viele von uns es geplant haben. Die Menschheit regeneriert sich, steht immer wieder auf, das wissen wir aus der Geschichte. Es wird dauern, aber es wird wieder so sein. Auch dieses Mal werden wir aufstehen und weiter machen.

Ich hoffe, dass wir die Zeit, die wir in der „Pause“ verbracht haben, nützen konnten um unsere Prioritäten neu zu ordnen. Nach der langen Isolation wissen wir, wie wichtig menschliche Kontakte sind und wie wenig Facebook dabei hilft…Nach der langen Stille in den Konzerthäusern, haben wir gespürt wie wichtig die Musik, das Theater, das Kulturleben für unsere Seele ist, und was für ein armseliger Ersatz YouTube und Spotify dafür sind.

Wir haben einiges erfahren, das uns nicht gefallen hat. Einiges mussten wir aufgeben, anderes haben wir überhaupt verloren.. Lasst uns mit einem weicheren, stärkeren Herzen in den nächsten Frühling gehen, wohlwissend, dass vieles anders sein wird als geplant und dennoch mit der Sicherheit, dass wir es schaffen werden. Wir waren erzogen, dass der schnellste Weg der Beste ist. Das letzte Jahr war ein Labyrinth aus verschiedenen Wegen, keiner davon leicht, kurz und schon gar nicht schnell… Doch der kleine Pfad im Wald bringt uns zurück zu dem Wunder, die Zeit mit Stärke, Mut und Zukunftsperspektiven zu füllen und nicht mit Angst, Unsicherheit und Hoffnungslosigkeit.

Lasst uns langsamer werden um nichts Wichtiges zu versäumen, lasst uns den Weg geniessen mit guten Gesprächen über Gott und die Welt, lasst uns unsere Zeit statt mit Terminen wieder mit echtem Leben füllen.

Bojidara Kouzmanova – Vladar

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