Herzlichst, Johannes Brahms

Franziskus Kapelle, Neckenmarkt

„Also seid zufrieden, bis es besser kommt.“ (Johannes Brahms, Wien, Dezember 1863)

Was ist denn Zufriedenheit? Für die Leistungssportler*innen, für die Perfektionist*innen unter uns, ist Zufriedenheit fast ein Schimpfwort. Man muss sich ständig beweisen, ständig weiterkommen, was gestern gut war, ist heute schon „Schmäh von gestern“… Also nichts wie weiter, nur weiter. Zufrieden zu sein ist eine Bremse, weil man länger in einem angenehmen Zustand verweilt, der einen „nicht weiter bringt“.

Ist es so?

Die Zufriedenheit wäre der Schlüssel zu einem glücklicheren Leben. Stellen Sie sich einen Morgen vor, an dem Sie zufrieden aufwachen und sich den Aufgaben des Tages gewachsen fühlen oder ihnen mit Neugierde entgegenblicken. Das wäre der ultimative Glückszustand im Alltag. Für viele von uns scheint dieser unerreichbar. Warum denn?! Ist es so kompliziert, so schwierig?

Ich will mich nicht oft wiederholen, aber manchmal ist es nicht zu vermeiden. Nachdem die sozialen Medien die frühere Rolle der Eltern übernommen haben und an vielen unserer Probleme schuld sind (früher waren die Eltern, meistens die Mütter, für sämtliche spätere Probleme in der Persönlichkeit, im Leben, verantwortlich), muss ich trotzdem betonen, dass ohne diesen direkten, minutiösen Vergleich mit Menschen auf der ganzen Welt, wir oft gar nicht gewusst hätten, wie „unzufriedenstellend“ unser Tag war. Das Bewusstsein, dass Herr/Frau XY viel mehr Erfolg hatte als wir heute, macht uns unzufrieden.

Unzufriedenheit macht uns, je nach Charakter und Persönlichkeit, entweder verbissen, verbittert oder träge. Alles nicht wirklich erstrebenswert, finde ich. Somit versäumen wir etwas, was uns jeden Tag neu gegeben wird: ein neuer Tag, das Leben selbst mit all den kleinen Facetten und Besonderheiten. Auch in Zeiten der Krise können wir uns an den kleinen guten Dingen festhalten, nur die Formel, die Menge und die Auswirkungen sind andere. Doch ich rede jetzt vom stinknormalen Alltag. Wäre es nicht fantastisch, wenn wir nicht mit allen Mitteln aus jedem Tag etwas Besonderes machen wollen (ist recht anstrengend, finde ich), sondern das Besondere an jedem neuen Tag genießen und bewusst erleben? Und jetzt mal ehrlich, muss immer alles „besonders“ sein, um gut und wertvoll zu sein?

Ein großer Feind der Zufriedenheit ist die Hetzerei, in der wir leben. Ständig zu kurz, ständig zu spät, ständig hätte es gestern fertig sein sollen … Und dazwischen kommt alles Mögliche an Haushalt, Kinder, Schule, Arbeit, Pendeln, Krankheiten, Pflege usw. Die Liste wäre endlos. Keine Möglichkeit für Zufriedenheit. Und seien wir ehrlich, darauf zu warten, auf die Zufriedenheit nach dem Studium, im neuen Job, mit dem Partner, in der neuen Wohnung, in der Pension… Das ist genau so, wie auf den Weihnachtsmann zu warten. Ist zwar ein schönes Gefühl, doch mit jedem weiteren Jahr sinkt die Hoffnung auf Erfüllung ein weiteres Stückchen.

Ich kenne Menschen, die zufrieden sind. Die leuchten in der grauen Landschaft von allen anderen wie seltsame, unerklärbar entstandene Sterne. Oft fragt man sich, wie das möglich ist. Manche von ihnen haben sogar kein Facebook, Instagram und Tiktok! Ich finde, sie haben die Formel für sich gefunden, zwischen der nötigen, möglichen und erwünschten Weiterentwicklung, ohne Selbstüberschätzung. Mein Papa hat immer gesagt „Es gibt nichts, das du nicht kannst, wenn du es willst!“ Das stimmt. Die Frage war seitdem: Was will ich? Wie echt ist der Wunsch nach diesem oder jenem? Es ist leicht herauszufinden. Der Maßstab dahingehend ist: Was bin ich bereit dafür zu investieren? Was ist mir die Verwirklichung dieses Wunsches wert? Sie werden merken, wenn Sie sich ehrlich danach fragen, lösen sich manche Probleme von alleine, weil man merkt, dass „Das wäre ganz nett“ keine besonders starke Motivation ist, um dafür zu arbeiten.

Als junger Mensch hat man zu viel Energie und geht gar nicht wirklich sparsam damit um, deshalb kann man den einen oder anderen Irrweg beschreiten, ohne dass gleich alles kaputt geht. Je älter man wird, desto näher kommt der Horizont und die Zukunft wird überschaubarer, daher wird auch die Zufriedenheit immer wichtiger. Die Waage unseres Alltags würde uns auf der einen Seite eine gesunde Selbsteinschätzung (auch nicht gerade eine einfache Aufgabe) anbieten und auf der anderen unsere Träume, unsere Herzenswünsche. Das pure Glück ist, wenn unsere Träume verwirklicht werden! Ziemlich mühsam wird es, wenn wir uns maßlos überschätzt oder auch unterschätzt haben (das Zweite ist einfach sehr traurig) … Die Zufriedenheit wäre in der Mitte der Skala. Sie ist flexibler, großzügiger, bei ihr muss nicht alles perfekt passen, man kann sie länger behalten und öfters haben, man kann sie leichter füttern als Glück und Träume und sie ist ein sehr freundlicher, wünschenswerter, netter täglicher Begleiter.

Das wünsche ich uns allen. Gerne Feuerwerke, gerne Schmetterlinge im Bauch und funkelnde Augen, immer wieder. Aber täglich? Das wäre nicht auszuhalten – da würden wir zu Glücksabhängigen und bräuchten eine immer höhere Dosis, um zu überleben.

Sehen wir die Zufriedenheit wie die Adventszeit. Sie ist schön, man erwartet etwas (was auch kommt :-)), aber sie selber bietet nur die Möglichkeit, etwas mehr Zeit miteinander zu verbringen, etwas inne zu halten, vielleicht das eine oder andere neue Brettspiel auszuprobieren und ein paar mehr Bücher zu lesen. Nichts Aufregendes und dennoch breitet sich ein wohliges Gefühl aus, schon alleine bei der Vorstellung …

Ich kann es nicht besser sagen als Brahms:

„Also seid zufrieden, bis es besser kommt.“

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