Halbe Sachen

Oswaldikapelle, Neckenmarkt
Photo: Bojidara Kouzmanova – Vladar

Der Frühling hat es heuer nicht so richtig gebracht. Aber wir auch nicht. Ich treffe immer mehr Menschen, die damit kämpfen, sich zu irgendetwas durchzuringen oder überhaupt weiterzumachen. Manche sind total müde vor lauter Erschöpfung, andere sind erschöpft vor lauter Warten und Enttäuscht-sein. Jetzt soll ja alles wieder gut werden. Oder zumindest besser. Und keiner freut sich, zumindest habe ich bis jetzt niemanden getroffen, der Erleichterung versprüht hätte (bis auf unsere fünf Monate alte Hündin, aber sie weiß nicht mal, dass es Corona gibt).

Was machen wir also? Wie finden wir unsere Energie, unsere Lebensfreude wieder?

Eine Freundin hat mich gefragt wie es mir geht. Die Antwort hat sogar mich überrascht: „Ich fühle mich, als wäre ich ein Fass voll Dynamit, das an der Ecke einer Streichholz-Fabrik steht.“ Warum die Explosionsgefahr?

Neid, gesellschaftliche Niederlage, Anarchie zumindest in den Köpfen und den Gedanken, jeder für sich, die Gesellschaft ist nicht mehr wichtig, Manipulation, kein Vertrauen mehr… Das sind Prozesse, die stattgefunden haben in den letzten Monaten. Man findet immer mehr Fehler bei seinem Gegenüber, Schuldzuweisungen und sinnentleerte Diskussionen über konspirative Theorien, die aber niemanden weiterbringen, Fehler, die sowohl im privaten wie auch im öffentlichen Leben passieren, da das Leben so anders geworden ist und die Prioritäten total durcheinander.

Oft habe ich das Gefühl, dass wir eher rückwärts statt vorwärts gehen und unsere sozialen Fähigkeiten schrumpfen mit jeder weiteren Woche im Lockdown.

Mir sind die schönen Worte ausgegangen. Es sind immer wieder Anfangs-Gedanken vorhanden, die aber ins Ungenaue und Unklare versickern, bis sie sich auflösen oder gar sinnlos werden. Sinnlosigkeit haben wir zurzeit genug. Man versucht eines, dann das andere, lässt das Erste halb fertig stehen, das Zweite wird nicht mal zur Hälfte gemacht, weil entweder die Situation sich wieder drastisch geändert hat, oder man für etwas Drittes, Viertes gebraucht wird.

Halbe Sachen. Ein halber Lockdown, gefolgt von halben Öffnungen. Halbe Zeit Schule, halb volle Säle, vielleicht. Alles strikt geregelt, mit sämtlichen zur Hälfte durchdachten Ausnahmeregelungen und Vorbehalten, die daraus folgen. Weder Sicherheit, noch Struktur, noch Pläne, noch Resultate sind vorhanden. Oder alles halb. Mit Vorbehalt. Wenn man einen Vertrag unterschreibt, steht das Kleingedruckte heutzutage ganz groß geschrieben, weil das Kleine definiert die ganzen Vorbehalte und Ausnahmen, aus denen unser Leben zurzeit besteht. Wir sind leider auch klein geworden. Noch schlimmer: kleinlich!

Halbe Sachen. Das macht mich rasend. Nicht halb rasend, sondern ganz schön richtig, voll. Auch etwas anderes blüht gerade auf: der Neid. Man ist neidisch, dass irgendjemand anderes die Impfung bekommen hat, oder neidisch, dass der Besagte die eben gewünschte, die „richtige“ Impfung bekommen hat, oder neidisch, dass der Freund die staatliche Hilfe bekommen hat und man selbst nicht, oder weil er mehr Arbeit hat, oder eben weniger Arbeit und „Urlaub machen“ kann (als würde man Urlaub im Homeschooling machen, online unterrichten, sich zu Zoom-Meetings setzen und sich einfach freiwillig zu Hause einsperren), man ist neidisch, dass manche Familien haben: „Sie sind wenigstens nicht allein“, dann ist man auf die Singles neidisch: „Sie haben wenigstens ihre Ruhe“… Also, liebe Leute, echt jetzt?! Haben wir wirklich keine anderen Probleme, als uns mit allen anderen zu vergleichen und die Dinge herauszupicken, auf die wir neidisch sein können? Haben wir echt keine andere Möglichkeit, unsere Energie einzusetzen, als zu lästern, neidisch zu sein?! Eine Gesellschaft in der Krise. Und ohne jetzt jemandem zu nahe treten zu wollen: am Ende der Geschichte werden wir keinen Gesellschaftspreis verdienen. Ein Ende wird es vielleicht auch gar nicht so wirklich geben. Wir werden den Virus leider in der Gesellschaft aufnehmen müssen, weil er irgendwie doch hartnäckiger als wir zu sein scheint.

Oder doch nicht?

Vielleicht finden wir doch wieder einen Weg, wie wir statt kleinlich und unmotiviert zu sein, wachsen können und größer, großzügiger werden können. Statt zu schimpfen, unmutig zu sein oder zu resignieren, einen Weg zu finden einander behilflich zu sein. Hilfe werden wir brauchen in vielen Bereichen: Kulturleben wieder aufbauen, die Menschen wieder sozialisieren (die sozialen Medien gelten nicht als soziales Leben) und uns die Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben nicht nehmen zu lassen. Hilfe, um unsere Kinder wieder an die Normalität zu gewöhnen, an die Schule, an das Singen, Theaterspielen, an das miteinander Spielen, das auf fremde Kinder Zugehen und kurzerhand am Spielplatz Freundschaften zu schließen, spontan sein zu dürfen, Fußball zu spielen und an das Herumhängen mit Gleichaltrigen.

Wir waren so individualistisch in den letzten Jahrzehnten, haben so einen Kult um einzelne Menschen aufgebaut, dass wir nicht mehr genau wissen, wozu wir die „Gesellschaft“ überhaupt brauchen. Tja, das ist das große Ganze. So wichtig die einzelnen Teile auch sind – ohne das große Bild, die größere Aufgabe, ist jeder auch noch so tolle und besondere Lego-Stein, eben nur ein einzelner Lego-Stein. Erst alle zusammen können wir etwas Großes aufbauen. Und es wird genug zum Bauen geben. Angefangen damit, menschlichen Umgang wiederherzustellen, Charakter neu zu festigen, Gewohnheiten neu zu definieren und wieder ehrliche Vorfreude zu empfinden, ohne die ständige Angst vor Enttäuschung.

Ich glaube, und das ist mehr als nur darauf zu hoffen, dass wir besser sein können, dass diese Krise – auch wenn sie lang und furchtbar ist – nicht unbedingt unser Schlechtestes ans Licht bringen soll. Das hängt nach wie vor nur von uns, von jedem Einzelnen ab. Nicht aufgeben, nicht alles hinschmeißen und nur an sich denken. Auch wenn wir alles für uns alleine haben könnten, macht das Mit- und Füreinander mehr Sinn. Und Sinn ist das, was uns wieder zurück auf den richtigen Kurs bringen wird. Dort, wo es wieder genug Lebensfreude und Freiheit gibt.

Bojidara Kouzmanova – Vladar

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