Zwischenräume

Rila Kloster, Bulgarien
Foto: Bojidara Kouzmanova – Vladar

Um ehrlich zu sein, würde hier jetzt ein anderer Beitrag stehen. Er ist geschrieben und fertig und dennoch bleibt er in der Schublade. Für jetzt mal. Es drängt sich einfach etwas anderes auf, was mit der Pandemie dermaßen die Überhand gewann, dass ich es nicht mehr für mich behalten kann.

Was passiert zwischen den Entscheidungen? Was passiert auf dem Weg von der Ukraine bis irgendwo, wo es ein warmes Essen und ein warmes Bett gibt?

Natürlich, wir sind zielgetrieben und wollen uns nicht ablenken lassen, aber dazwischen passieren so viele Dinge, mit denen wir später nicht mehr umgehen werden können, weil sie uns zerreißen und auseinanderbringen.

Auseinanderbringen ist das Stichwort der Pandemie. Jetzt auch das des Krieges. Ich hätte gedacht, ja gehofft, dass wir etwas daraus gelernt haben – mittlerweile schwindet die Hoffnung. Zu sehen, wie Musiker aufeinander losgehen, weil irgendeiner NICHTS gesagt hat, ist so weit von unserer Aufgabe entfernt, Menschen zueinander zu bringen, zu versöhnen, zu trösten, zu verbinden, dass ich anfange, überhaupt zu zweifeln, ob das auf Dauer möglich ist. Ob wir Menschen nicht einfach immer das gleiche suchen, nämlich Trennung und Absonderung. Ob wir uns nur dann „spezieller“ fühlen oder uns für „etwas Besonderes“ halten …

Zurück zu den Zwischenräumen. Wir wollen helfen, wir haben eine ausgeprägte Meinung über Richtig und Falsch und vertreten sie lautstark in den sozialen Medien, dabei lassen wir alles außer Acht, was wir womöglich nicht bedacht haben, was wir nicht wissen und nicht wissen können. Aber in der Überzeugung, die wir vertreten, sind wir uns so sicher, dass wir buchstäblich über alle Hindernisse gehen würden, um diese Meinung weiter zu vertreten. Unsere Überzeugung gewinnt die Überhand, sie wird zum höchsten Gut, das wir haben. Dabei wäre das Einzige, das momentan zählt, eine stille, tatkräftige Unterstützung. Ein offenes Herz, eine offene Tür, eine Spende, jeder, was er kann. Ohne dazwischen schon wieder jemanden zu verurteilen. Das kostet zu viel Kraft und die brauchen wir woanders. Ich habe Freunde, die Russen sind, ich habe Freunde, die Ukrainer sind, bald auch eine Gastfamilie zu Hause. Sie hassen sich nicht. Ihr Herz ist gebrochen und sie denken an ihre Kinder, an die Zerstörung und die Sinnlosigkeit, die momentan herrscht und ihr Leben auf den Kopf gestellt oder sogar genommen hat. Durch Europa wandern Kinder, alleine, um zu irgendwelchen Verwandten zu kommen, die sie noch nie gesehen haben, es wandern Mütter mit Kindern am Arm, die ihre Männer, Brüder, Söhne und Väter gerade hinter sich gelassen haben und sich mit nichts außer einer geballten Sprachlosigkeit auf den Weg gemacht haben.

Wollen wir die Spaltung, Absonderung und Diskussionen den Politikern überlassen und uns darauf konzentrieren, was dringender gemacht gehört – die Zwischenräume zu vermenschlichen, zu versorgen, zu wärmen und mit einem Schimmer Fürsorge und Hoffnung zu erfüllen. Das können wir. Wenn wir (schon wieder) aufeinander losgehen, schaffen wir Gräben, die man nicht überbrücken kann. Doch wir brauchen Brücken, wir müssen uns darauf konzentrieren, was wir jetzt sofort machen können, weil das System zu langsam ist und es passieren zu viele Dinge zwischen der Entscheidung zu gehen und der Erlaubnis anzukommen. Da sind wir momentan gefragt.

Später wird es wieder Platz und Zeit geben, um jede Meinung so laut zu vertreten wie es einem danach ist. Jetzt ist die Zeit eine Suppe zu kochen, ein Paket zu versenden, jemanden von der Grenze abzuholen, zu versorgen. Es ist die Zeit, Herzenswärme und Hilfe anzubieten, nicht Hass und Wut zu verstärken. Lasst uns die ganze Energie, die wir zur Verfügung haben, als Menschen, die nicht direkt involviert sind, nicht in Postings stecken, die verurteilen, sondern in tatkräftige Unterstützung. Sie bringt viel mehr und auch wenn sie nicht öffentlich ist, verändert sie die Situation von vielen Menschen zu 100 Prozent. Und glauben Sie mir, diese 100 Prozent sind momentan die oberste Priorität und das, was uns menschlich macht.

Bojidara Kouzmanova – Vladar

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