Plus und Minus

Foto: Bojidara Kouzmanova – Vladar

Es sind keine Ratschläge, es ist keine neue Wahrheit und keine neue Realität, es sind meine Gedanken.

Es kommt mir vor, als würden wir ständig nach Abgrenzungen suchen. Weiße gegen Schwarze, Österreicher gegen Ausländer, eine Partei gegen die andere, Geimpfte gegen Ungeimpfte … Natürlich habe ich meine Meinung und ich habe meine Prinzipien und ich bin nicht so tolerant, dass ich alles akzeptiere, was man mir aufdrängen möchte – aber sollen wir immer nur nach dem suchen, was uns voneinander trennt? Was uns abgrenzt? Und wenn wir dann fehlerlos und unumstritten die Besten werden und den Olymp aller Vorurteile und Diversitäten erklommen und bestiegen haben, um dann zu merken, dass wir oben ganz alleine sind und es sich eigentlich nicht lohnt? Was dann?

Warum können wir nicht mit derselben Beharrlichkeit die Gründe für eine Einigung suchen? Diskussion ist gut, verschiedene Meinungen auch, aber warum suchen wir viel lieber den getrennten Weg und nicht den gemeinsamen?

Regeln sind gut. Ich mag Regeln. Manchmal macht es Spaß, sie zu brechen, aber ich mag sie trotzdem. Sie geben Ordnung und Anhaltspunkte. Sie machen auch den Weg frei für eine weitere Entwicklung. Aber sie sind freiwillig. Man kann sie niemandem aufzwingen, nicht mal den eigenen Familienmitgliedern :-). Man muss sie überzeugen, dass sie richtig sind und sie sich selbst daran halten wollen.

Was machen wir, wenn die Überzeugungsarbeit hinkt? Wir sollten der Person, die uns zu überzeugen versucht, vertrauen, sonst funktioniert es nicht. Und ich glaube, das ist vielleicht auch der Punkt: wir vertrauen niemandem. Mittlerweile nicht mal uns selbst, weil wir außer einer Meinung, die meist nicht sehr fundiert ist (soziale Medien ersetzen keine jahrelangen Studien), nichts anderes haben. Wir haben viel Information, sind aber nicht im Stande, sie so zu verarbeiten, dass sie uns weiter bringt. Die Oberflächlichkeit siegt, dadurch auch die Angst, weil wir tief im Inneren wissen, dass wir unserer Meinung nicht trauen können und deshalb auch wie verängstigte Teenager ganz laut werden, um sie möglichst weit rauszuschreien.

Ich wünschte, wir würden uns wieder besinnen auf etwas, das wir gemeinsam machen können, das wir gemeinsam entscheiden können, etwas, das uns mehr verbindet als es uns trennt.

Schlussendlich, eine Batterie hat sowohl Plus als auch Minus, und nur so bringt sie Energie, nur das eine oder nur das andere bringt nichts, treibt nichts voran, es bleibt dunkel.

Vor kurzem war ich mit zwei Kindern in der Ausstellung „100 Jahre Burgenland“ auf der Burg Schlaining. Ich fand sie sehr interessant, spannend, gut und auch liebevoll gemacht. Nicht protzig, aber doch deutlich zeigend, worauf man wirklich stolz sein kann. Ich fand sie toll!

Ein Objekt hat mich aber besonders berührt. Es war die Fahne einer Blasmusikgruppe irgendwo im Burgenland aus dem letzten Jahrhundert. Wissen Sie, was darauf stand? „Der Töne Zauberkraft im Leben Einklang schafft!“

Es kann nicht sein, dass wir vor lauter Abgrenzung und Selbstständigkeit nichts mehr gemeinsam haben. Sollten wir uns wieder einen gemeinsamen Feind suchen, damit wir verbunden werden? Damit wir ein gemeinsames Ziel haben? Um ehrlich zu sein, nicht mal das hat funktioniert in letzter Zeit…

Wir hören mittlerweile oft „Es geht uns zu gut, deshalb wollen die jungen Menschen nicht mehr ordentlich arbeiten, deswegen beklagen wir uns ständig und unsere Ansprüche sind schon ins Unermessliche gestiegen.“

Stimmt das? Ja, vielleicht der Teil mit der Arbeit und den Ansprüchen schon, aber dass es uns gut geht? Habt ihr das Gefühl, wenn ihr in Wien in die U-Bahn steigt, von lauter glücklichen Menschen umgeben zu sein? Oder seht ihr auf der Straße nur geduldige, gut gelaunte Autofahrer? Also, das kann nicht wirklich stimmen mit der Aussage, dass es uns so gut gehe. Geld hat noch niemanden glücklich gemacht, höchstens sind sich alle einig, dass es nie genug davon gibt, egal wer wieviel hat.

Ich wünschte, wir würden versuchen an einem Strang zu ziehen. Versuchen, einen sinnvollen Strang zu finden und ihn dann gemeinsam in die gleiche Richtung, vorzugsweise nach vorne, ziehen. Ich wünschte, wir würden uns wieder auf die gute Gemeinsamkeit besinnen, in der es auch sehr viel Platz für Individualität und Selbstständigkeit gibt, für Freiheit und Akzeptanz, sogar für unterschiedliche Meinungen, aber eben auch für eine gesündere, verständnisvolle, mündige Gesellschaft, die im Stande ist, gut fundierte Entscheidungen zu treffen.

Bojidara Kouzmanova – Vladar

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